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Das Geheimnis des Edwin Drood

Das Geheimnis des Edwin Drood
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© BBC 2012, Label: NewKSM, „The Mystery of Edwin Drood“ – David Dawson
Rezension: TV Zweiteiler

Was geschah mit Edwin Drood? Diese Frage stellt sich in Charles Dickens‘ letztem Roman „The Mystery of Edwin Drood“ aus dem Jahr 1870 gleich in zweifacher Hinsicht. Zum einen, weil es in dieser wohl ersten Kriminalgeschichte der Welt tatsächlich um den Verbleib der Titelfigur geht. Zum anderen, weil Charles Dickens starb, bevor er seinen Lesern diese Frage beantworten konnte.

„The Mystery of Edwin Drood“ war als Fortsetzungsroman konzipiert worden. Fast die Hälfte der insgesamt zwölf geplanten Folgen konnte Dickens noch beenden. Die Tatsache, dass der Roman enden musste, als die Geschichte um Droods Verschwinden etliche Fragen und Handlungsstränge offen ließ, löste eine Lawine an Versuchen aus, sie mit Eigeninterpretationen zu vollenden.

All diese Deutungsversuche in Fortschreibungen, eigenen Romanen, Bühnenstücken und Verfilmungen werden gemeinhin als Droodiana bezeichnet. Als man 1998 diese alternativen Versionen auflistete, kam man bis dato auf über 1800 Werke, die sowohl von professionellen Autoren als auch von Fans weltweit verfasst wurden. Selbst damals war diese Liste unvollständig, was bedeutet, dass die Zahl um einiges höher sein dürfte.

Die BBC (in Zusammenarbeit mit Masterpiece) versuchte sich 2012 an einer weiteren Auflösung des Rätsels in Form eines Fernsehzweiteilers. Die Autorin und Produzentin Gwyneth Hughes verfasste die Adaption. Von ihr stammen Drehbücher zu Filmen wie „Miss Austen Regrets“, „Du bist tot“ oder auch „The Girl“. Aktuell kreierte Hughes die Miniserie „Remember Me“ mit Monty Python Urgestein Michael Palin.

Auch Regisseur Diarmuid Lawrence ist in Sachen Krimi und Period Drama kein Unbekannter. Er führte u.a. Regie bei Serien wie „Silent Witness“, „South Riding“, „The Body Farm“, „Little Dorrit“ oder „Desperate Romantics“. 2014 widmete er sich abermals einer gelungenen Romanverfilmung mit „Mapp & Lucia“.

Durdles: „Keine Angst vor Gespenstern?“
Jack: „Welcher Mann mit Verstand fürchtet die Toten?“
Durdles: „Das ist wahr. Die Toten können einem nichts tun. Aber einen erschrecken schon.“

The Mystery of Edwin Drood

© BBC 2012, Label: NewKSM, „The Mystery of Edwin Drood“ – Matthew Rhys, Tamzin Merchant, Freddie Fox

Die Geschichte um das mysteriöse Verschwinden von Edwin Drood (Freddie Fox, „The Shadow Line“) spielt abwechselnd im fiktiven Cloisterham und in London. Chormeister John „Jack“ Jasper (Matthew Rhys, „The Americans“) gibt sich im Opiumrausch gewalttätigen Fantasien hin. Immer wieder träumt er davon, seinen Neffen Edwin zu strangulieren. Der ist seit Kindertagen der ebenso schönen wie vornehm blassen Rosa Bud (Tamzin Merchant, „Die Tudors“) versprochen. Ein Umstand, den Jack kaum zu ertragen vermag. Der Chorleiter ist nämlich schwer verliebt in Rosa.

Die Siebzehnjährige verlebt ihre Tage bis zur Hochzeit in einem Mädchenpensionat, doch so richtig begeistert über die geplante Vermählung ist sie nicht. Edwins regelmäßige Besuche scheinen ihr lästig zu sein. In einem Gespräch mit Rosas Vormund, dem Londoner Anwalt Mister Hiram Grewgious (Alun Armstrong, „New Tricks“), wird deutlich, dass sie, obwohl sie Edwin durchaus mag, ihn lieber doch nicht heiraten würde.

Derweil treffen bei Reverend Septimus Crisparkle (Rory Kinnear, „Penny Dreadful“) und dessen Mutter (Julia McKenzie, „Agatha Christie’s Marple“) die Geschwister Helena (Amber Rose Revah, „What Remains“) und Neville Landless (Sacha Dhawan, „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“) aus Indien ein. Die Crisparkles mühen sich redlich, den beiden Waisen ein neues Zuhause zu geben. Im Falle des jähzornigen Neville gestaltet sich das allerdings schwierig. Kaum hat der junge Mann ein Auge auf Rosa geworfen, sucht er die Konfrontation mit Edwin, den er für arrogant und Rosas nicht würdig hält.

Ein Missverständnis führt dazu, dass Jack davon ausgeht, dass die Hochzeit definitiv stattfindet. Nun schluckt er Laudanum in rauen Mengen und begibt sich auf einen gefährlichen Trip. Sein dunkler Plan schließt Neville als Opferlamm mit ein…

Durdles: „Schlüssel, Herr Bürgermeister, wenn ich bitten darf.“
Jack: „Wie, Durdles. Sie sind ja überladen mit, äh, mit Eisenwaren.“
Durdles: „Vom Leben niedergedrückt… ist Durdles.“

In weiteren Rollen sind Ron Cook („Mr Selfridge“) als Steinmetz  Durdles, Janet Dale („Vanity Fair – Jahrmarkt der Eitelkeiten“) als Miss Twinkleton, Ellie Haddington („Foyle’s War“) als Inhaberin einer Opiumhöhle, Ian McNeice („Rom“) als Bürgermeister Sapsea und David Dawson („Ripper Street“) als Grewgious‘ Assistent Bazzard zu sehen.

The Mystery of Edwin Drood

© BBC 2012, Label: NewKSM, „The Mystery of Edwin Drood“ – Tamzin Merchant

Gwyneth Hughes verdichtete Dickens Vorlage und änderte einiges ab. Ihr „Lösungsvorschlag“ erscheint durchaus plausibel und entbehrt nicht eines gewissen Aha-Effekts. Die insgesamt gut einhundert Minuten lassen zwar keine Langweile aufkommen, jedoch eine gewisse Charaktertiefe vermissen. Die handelnden Personen werden, was ihre Motive und Emotionen betrifft, nur umrissen. Daher erscheinen sie zuweilen klischeehaft.

Das wird besonders beim Charakter des Neville Landless deutlich, der schon wegen Nichtigkeiten die Fassung verliert und zwischen Wut und Hilflosigkeit schwankend die üblichen Erklärungsversuche bietet.

Neville: „Unser Leben war hart, Sir. Unser Stiefvater war ein brutaler Kerl.“
Crisparkle: „Wenn das der Grund für den Zorn in Ihrer Seele ist, Mister Neville, wird es Ihre Pflicht sein, ihn mit Vergebung zu bekämpfen.“

Diarmuid Lawrence‘ Inszenierung wirkt nüchtern und gradlinig. Wo die meisten Literaturverfilmungen den Zuschauer mit farbenfroher Opulenz verwöhnen oder historisch realistischem Drama, verweilt diese Version von „The Mystery of Edwin Drood“ in abgesteckten Grenzen. Die gedeckten Farben und die konservative, zügige Erzählweise unterstreichen jedoch das Krimi-Element.

Lobenswert sind die schauspielerischen Leistungen der Darsteller, die aus den zumeist spärlichen Charakterisierungen alles herausholen, allen voran Matthew Rhys, der mit der tragischen Ambivalenz seiner Figur überzeugt.

Auch die Musik weiß zu gefallen, die der zurückhaltenden Inszenierung ein gefühlvolles Gegengewicht gibt. Sie stammt von John Lunn, der bereits Serien und Filme wie „Downton Abbey“, „The White Queen“, „Grantchester“ und „Terry Pratchett’s Going Postal“ musikalisch exzellent zu untermalen wusste.

The Mystery of Edwin Drood

© BBC 2012, Label: NewKSM, „The Mystery of Edwin Drood“ – Freddie Fox, Tamzin Merchant

Das Label NewKSM zählt sicherlich zur besten Adresse, wenn es um die Veröffentlichung britischer Literaturverfilmungen geht. Liebhaber von guter Period Drama Unterhaltung wurden hier bereits mit Serien wie „Elizabeth Gaskell’s Cranford“, „Lark Rise to Candleford“, „Charles Dickens‘ Little Dorrit“ und „Charles Dickens‘ Bleak House“ verwöhnt. Und das sind nur wenige Beispiele aus dem Angebot des Labels.

Der TV-Zweiteiler DAS GEHEIMNIS DES EDWIN DROOD aus dem Jahr 2012 dürfte demnach auch nicht die letzte Veröffentlichung dieser Art gewesen sein. Seit dem 15.09.2014 kann man sich diese Dickens Verfilmung ins Heimkino holen. Beide Episoden gibt es auf einer DVD mit englischer und deutscher Tonspur sowie optionalen, deutschen Untertiteln. Zusätzlich gibt es ein Wendecover.

Über das karge Bonusmaterial kann man sich nicht beklagen, denn es scheint so, dass es in Großbritannien nicht einmal eine Veröffentlichung gibt. Hier sind auf Amazon UK lediglich Importe aus den Niederlanden und den USA zu finden.

Möglich ist allerdings, dass die deutsch synchronisierten Episoden, die erstmals im Februar 2014 auf Arte ausgestrahlt wurden, geschnitten sind. Das ist seitens der BBC allerdings eine übliche Praxis, wenn Serien ins Ausland verkauft werden und ist von deutschen Sendern kaum zu beeinflussen.

Da uns hier nicht die finale Box vorlag, können wir zur DVD-Verpackung leider keine näheren Angaben machen. Wer die Box besitzt, kann im Kommentarbereich gerne die nötigen Informationen dazu liefern.

DVD Ausstattung
Das Geheimnis des Edwin Drood - DVD Cover

Coverfoto: NewKSM

Format: PAL
Ländercode: 2
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 16:9 (1,78:1)
Audio: Dolby Digital 2.0
Anzahl der Disks: 1
Altersfreigabe: 12
Laufzeit: ca. 104 Min. (2 x ca. 52 Min.)
Extras: Trailer, Bildergalerie
Verpackung: Wendecover ohne FSK-Logo
Label: NewKSM

Episoden
  • Episode 1 (52:15 Min.)
  • Episode 2 (52:11 Min.)

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