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Jack Taylor: Der ausgemusterte Allwettermantel

Jack Taylor
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© ZDF 2013, edel:motion, Foto: Martin Maguire – Iain Glen
Rezension: Volume 1

Der irische Schriftsteller Ken Bruen wurde genau in der Stadt geboren, in der seine Jack Taylor Geschichten spielen, in Galway. Bücher schrieb er jedoch erst, nachdem er die halbe Welt bereiste und u.a. in Afrika und Japan als Englischlehrer sein Geld verdiente.

Neben der Jack-Taylor-Reihe veröffentlicht Bruen noch zwei andere Romanserien. Mit seinen Protagonisten Detective Sergeant Tom Brant und Chief Inspector James Roberts begann er schon vor Jack Taylor. Die Reihe um Max Fisher und Angela Petrakos (gemeinsam mit dem US-Autor Jason Starr) folgte ab 2006.

Daneben schrieb Bruen zahlreiche Einzelromane, von denen „London Boulevard“ mit gleichnamigen Titel verfilmt wurde. Mit großem britischen Staraufgebot (Colin Farrell, Keira Knightley, Ray Winstone) aber durchwachsenen Kritiken kam der Film 2011 in die Kinos.

Bruens Protagonist Jack Taylor (Iain Glen, „Game of Thrones“, „Spooks“, „Downton Abbey“) ist ein ziemliches Wrack. Nach einer Handgreiflichkeit gegen einen korrupten Politiker wurde er aus dem Dienst der Polizei ebenso ausgemustert wie sein Allwettermantel, den seine Ex-Kollegen allerdings immer mal wieder einfordern. Ein running gag, der nie langweilig wird.

Jack Taylor zählt zur Gattung der sogenannten hard-boiled detectives, ein Archetypus der Kriminalliteratur. Besonders männliche Autoren scheinen ein Faible für ihre alkoholkranken, sozial nicht besonders kompatiblen Antihelden zu haben, die trotzdem oder gerade deswegen ein reges Sexualleben pflegen. Spontan kommt einem Raymond Chandlers Philip Marlowe oder Robert B. Parkers Jesse Stone in den Sinn.

Jack: „Wie kommt es, dass, egal wie lange man seine Familie nicht gesehen hat, oder wie weit man auf Distanz zu ihr gegangen ist, sie einen immer noch auf Knopfdruck in Rage bringen kann? Antwort: Weil sie den Knopf angebracht hat.“

Jack Taylor

© ZDF 2013, edel:motion – Iain Glen, Tara Breathnach

Taylor ist ein trainierter Spiegeltrinker, der sein Limit immer dann überreizt, wenn ihn die Realität mal wieder knallhart getroffen hat. Dann knipst er sich selbst das Licht aus, was ihn ab und zu in arge Schwierigkeiten bringt. Neben der Tatsache, dass er seine Leber mit Alkohol und seine Lunge mit Zigaretten traktiert, wird er regelmäßig verprügelt, betäubt, angeschossen oder von einem Auto angefahren.

Dies alles, inklusive einer oft suboptimalen Körperhygiene, scheint ein Aphrodisiakum fürs weibliche Geschlecht zu sein. Jacks Bett wird selten kalt. Doch seien wir ehrlich. Es sind diese kaputten Typen mit einer geschädigten Seele, die uns im Sturm erobern – egal, ob Mann oder Frau. Und Hauptdarsteller Iain Glen spielt diesen Charakter grundsympathisch.

Padraic: „Ah Jack. Ich kenne deinen Vater. Paddy. Paddy Taylor. Ein Mann von Subtilität und Geschmack. Hab‘ ich Recht?“
Jack: „Er hatte seine Momente.“
Padraic: „Da du die Vergangenheitsform verwendest, kombiniere ich, er ist nicht mehr unter uns. Oder schlimmer… in England.“

„Der Ex-Bulle“ verschafft uns einen Einstieg in Jacks verpfuschtes Leben. Von seinem Vater hat er die Liebe zu Büchern geerbt. Die Beziehung zu seiner Mutter ist unterkühlt und schwierig. Und sein  jüngerer Bruder hatte sich bereits totgetrunken. Nach seinem Rauswurf aus dem Dienst der irischen Garda beginnt für Jack eher zufällig eine Karriere als Privatermittler. Als tote, junge Frauen aus dem Fluss gefischt werden, die die Polizei unter Selbstmorde verbucht, trifft Jack auf seine erste Klientin. Anne Hennessy (Tara Breathnach, „Die Tudors“) ist auf der Suche nach ihrer Tochter.

Anne: „Warum saufen Sie?“
Jack: „Warum bitten Sie einen Säufer um Hilfe?“

Jack Taylor

© ZDF 2013, edel:motion, Foto: Martin Maguire – Iain Glen, Killian Scott

Jack versucht zwischen den Fällen eine Verbindung herzustellen und trifft auf einen alten Kumpel. Sutton (Ralph Brown, „Radio Rock Revolution“) verdient sein Geld mit der Malerei und hatte Jack  jüngst auf einem Gemälde verewigt. Als Suttons Förderer und Kunsthändler Lanpert (David Heap, „My Boy Jack“) in die Fälle verwickelt zu sein scheint, wird es hässlich.

Father Malachy: „Du trinkst ja immer noch.“
Jack: „Sie rauchen immer noch.“
Father Malachy: „Ich und Bette Davis.“
Jack: „Sie ist tot.“
Father Malachy: „Darauf wollte ich raus.“

Nach dem bitteren Ende seines ersten Auftrags war Jack in London abgetaucht. Ein Jahr später kehrt er nach Galway zurück und wird von einem Freund gebeten, den mysteriösen Tod seines Sohnes aufzuklären. Der Vater bezweifelt den augenscheinlichen Selbstmord. Und so wird Jack in „Auge um Auge“ bald mit einer Bürgerwehr konfrontiert, die das Gesetz in die eigenen Hände nimmt.

Neben der Unterstützung, die Jack immer mal wieder von der jungen Polizistin Kate Noonan (Nora-Jane Noone, „The Descent – Abgrund des Grauens“) erhält, trifft er in diesem Fall auf den Möchtegern-Detektiv Cody Farraher (Killian Scott, „Love/Hate“), der – von Taylor fasziniert – alles daran setzt, mit ihm zusammen zu arbeiten.

Mann: „Hey, hey. Sie sind Jack Taylor, hah, der Privatdetektiv.“
Jack: „Nein. Barbara Streisand. Affenbändigerin.“
Mann: „Aaaaah, nein, nein. Ich bin mir sicher, Sie sind Jack Taylor.“

Jack Taylor

© ZDF 2013, edel:motion – Paraic Breathnach

Eine sehr beklemmende Geschichte wird mit der Episode „Gefallene Mädchen“ erzählt. Für Jack wird es einer der persönlichsten Fälle, als er von einer Frau beauftragt wird, die Peinigerin ihrer Mutter zu finden. Im Tagebuch der erst kürzlich verstorbenen Mutter wird diese als „Luzifer“ betitelt. Ein Name, der ihr durchaus gerecht wird. So erfährt man in Rückblenden von der Folter und den Demütigungen dieser herzlosen Nonne, deren Aufgabe es eigentlich war, die jungen Frauen im Magdalenen Heim „St. Monica“ auf ein neues Leben vorzubereiten.

Mit dieser Geschichte wird auf eine traurige Wahrheit in der Geschichte Irlands Bezug genommen, die schon einmal im Kinofilm „Die unbarmherzigen Schwestern“ aus dem Jahr 2002 (in dem übrigens auch Nora-Jane Noone eine der Hauptrollen spielte) thematisiert wurde. Die sogenannten Magdalenen-Wäschereien waren gefängnisähnliche Einrichtungen für „gefallene Frauen“.

Kate: „War eigentlich klar, dass du auftauchst.“
Jack: „Ich bin wie der Regen, Noonan.“

In „Königin der Schmerzen“ muss Jack den Tod einer jungen Studentin aufklären. Literaturprofessor Gorman (Niall Buggy, „Der Schlächterbursche“) hatte ihn um Hilfe gebeten. Während er Cody undercover wieder auf die Uni schickt, muss Jack sich einmal mehr mit der Polizei herumschlagen. Kates neuer Vorgesetzter Griffin (Tomas O’Suilleabhain, „Zwei Hochzeiten und ein Liebesfall“) hält den Todesfall zwar für einen Selbstmord, doch Kates immerwährende Unterstützung des privaten Ermittlers hält er für einen Karrierekiller.

Griffin: „Ich weiß Bescheid über Sie, Taylor. Sie sind kein Journalist. Sie sind kein Cop. Sie sind Stress pur.“

Ein Priester namens Royce (John Kavanagh, „Die Tudors“) wurde geköpft. In „Tag der Vergeltung“ bittet Father Malachy (Paraic Breathnach, „Breakfast on Pluto“) Jack, diesen Fall zu untersuchen. Zwanzig Jahre zuvor war Malachy der Assistent von Royce, der alles andere als ein vorbildlicher Geistlicher war. Malachy war Zeuge von Missbrauchsvorfällen.

Jack befragt daher zunächst die beiden damaligen Opfer. Einer von ihnen, Michael Clare (Ronan Leahy, „Roy“), hatte sich inzwischen eine einträgliche Karriere aufgebaut. Michaels Schwester Nuala (Valerie O’Connor, „Blick des Bösen – Sie will nur spielen“) setzt alles daran, ihren Bruder zu beschützen und versucht herauszufinden, wie viel die beiden Privatermittler wissen.

Jack Taylor

© ZDF 2013, edel:motion, Foto: Joerg Landsberg – Nora-Jane Noone, Niall Buggy

Junge: „Hast du ’n scheiß Problem, Opa?“
Jack: „Nein. Aber du, wenn du noch mal Opa zu mir sagst.“

In „Das schweigende Kind“ stolpert ein junges Mädchen direkt in Jacks Arme. Sie schien in Panik vor jemandem geflüchtet zu sein. Róisín Mangan (Hazel Doupe, „Titanic – Blood & Steel“) sagt zunächst kaum ein Wort. Sie hatte ihre ermordete Mutter gefunden. Da Róisín zum fahrenden Volk gehört, scheint die Polizei nicht sonderlich interessiert an dem Fall.

Jack kann sich das Vertrauen der Familie buchstäblich erkämpfen und bietet an, bei der Aufklärung zu helfen. Róisíns Vater Eddie (Karl Shiels, „Titanic – Blood & Steel“) gilt als verdächtig, da er seine Frau regelmäßig verprügelt hatte. Doch dann wird auch er ermordet und Jack muss zwischen zwei verfeindeten Familien vermitteln.

Róisín: „Die Fluppen killen dich.“
Jack: „Ja. Aber sie müssen sich hinten anstellen.“

Was sich wie ein roter Faden durch alle Geschichten zieht, sind die wichtigen und oft innigen Beziehungen, die Jack trotz seines schwierigen Charakters pflegt. Polizistin Kate Noonan arbeitet zwar ehrgeizig an ihrer Karriere, doch sie hält große Stücke auf ihn und riskiert einiges, um Jack zu helfen. Zwischen beiden Charakteren existiert trotz Altersunterschied und steter Beteuerung, sie wären nur Freunde, eine sexuelle Spannung.

Kate: „Jack. Du weißt doch wieso du hier bist.“
Jack: „Ich werde so oft von jungen Frauen in die Wohnung eingeladen, dass ich aufgehört hab‘ zu fragen wieso.“

Mit Cody verbindet ihn eine Mentor/Protegé Beziehung, die sich nach anfänglichen Schwierigkeiten wunderbar entwickelt. Zunächst hält Jack nicht viel davon, einen „Mitarbeiter“ zu haben und er findet Cody höchstens amüsant und nervig. Doch bald erkennt er das Potential des jungen Mannes und fängt an, ihn zu respektieren. Schlussendlich wäre da noch Jacks Hauswirtin Mrs. Bailey, die ihm mehr eine Mutter zu sein scheint als seine eigene. Bailey ist die irische Antwort auf Sherlocks Mrs. Hudson.

Bailey: „Großer Gott!“
Jack: „Tut mir leid Mrs Bailey. Einbrecher. Ich bezahl‘ den Schaden.“
Bailey: „Lassen Sie mal Mister Taylor. Das bezahlt die Versicherung.“
Jack: „Sie sind versichert?“
Bailey: „Nein. Aber das wollte ich schon immer mal sagen.“

Jack Taylor

© ZDF 2013, edel:motion, Foto: Martin Maguire – Iain Glen, Emmet Kirwan

Drehbuchautor Marteinn Thorisson versuchte nah an den Vorlagen zu bleiben. Änderungen ergaben sich natürlicherweise aus dramaturgischen Gründen. So sind Bruens Romane in der Ich-Form verfasst, während man sich in den Filmen für Jacks Kommentare aus dem Off entschied. Zum Großteil übernommen wurden die wunderbaren Dialoge, deren trockener Witz den kühlen Kriminalgeschichten die nötige Würze verleiht und nicht zuletzt den irischen Charme.

Bruens dunkle Geschichten sparen nicht mit Sozialkritik. Er selbst gilt als Vertreter des Irish Noir. Dieses Gefühl vermitteln auch die Verfilmungen. Für die dafür nötige, visuelle Stimmung sorgte kein Geringerer als Kameramann John Conroy, der bereits Filme wie „Sweeney Todd“ und Serien wie „Luther“ ins rechte Licht rücken konnte. Regisseur Stuart Ormes Inszenierungen sind gradlinig und legen den Fokus auf die Geschichten und auf die Charaktere. Diese Nüchternheit unterstreicht den Irish Way of Life.

Mutter: „Es wäre doch seltsam, wenn du nicht mal zu dir nachhause kommen könntest.“
Jack: „Ich war hier nie zuhause.“

Was in der deutschen Fassung nicht ganz stimmen will, ist die Synchronisation. So bemühte sich der kürzlich verstorbene Synchronsprecher Reinhard Brock zwar redlich, dem Charakter des Jack Taylor gerecht zu werden, doch seine Stimme, die abgebrannt und lakonisch klingen soll, wirkt leider überwiegend lustlos und hin und wieder aufgesetzt.

Jack Taylor

© ZDF 2013, edel:motion, Foto: Martin Maguire – Iain Glen

Die Jack Taylor Romane wurden bislang von Harry Rowohlt für den Züricher Atrium Verlag ins Deutsche übersetzt. Für die Verfilmungen schlossen sich – auch aus finanziellen Gründen – irische und deutsche Produzenten-Teams zusammen. Gedreht wurde abwechselnd in Galway und Deutschland (Bremen). Bevor auch das ZDF 2013 die Jack Taylor Filme zeigte, wurden sie ab 2010 bereits auf dem irischen TV Sender TV3 ausgestrahlt.

Edel:Motion veröffentlichte die ersten sechs Filme in einer Volume 1 am 09.12.2013. Im Gegensatz zu den meisten bisherigen Veröffentlichungen bietet das Label diesmal etwas Bonusmaterial mit deutschen Untertiteln oder deutsch übersprochenen Texten. Dass es hier jedoch keine Originaltonspur gibt, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Für Fans des O-Tons ein echter Wermutstropfen.

DVD Ausstattung
Jack Taylor - Vol. 1 - DVD Cover

Coverfoto: Edel:Motion

Format: PAL
Disc-Type: 5 x DVD-5, 1 x DVD-9
Ländercode: 0
Sprache: Deutsch
Untertitel: keine
Bildformat: 16:9 (1,77:1)
Audio: Dolby Digital 5.1
Anzahl der Disks: 6
Altersfreigabe: 16
Laufzeit: ca. 540 Min. (6 x ca. 90 Min.) + Bonus (ca. 79 Min.)
Extras: Interviews mit den Darstellern und Machern der Serie
Verpackung: Softbox
Label: edel:motion

Episoden
  • Disc 1 – Der Ex-Bulle (1:22:21)
    Bonus: Interview mit Regisseur Stuart Orme (07:38 Min. mit dt. UT)
  • Disc 2 – Auge um Auge (1:30:08)
    Bonus: Interview mit Regisseur Stuart Orme (07:12 Min. mit dt. UT)
  • Disc 3 – Gefallene Mädchen (1:28:52)
    Bonus: Interview mit Produzent Ralph Christians (07:19 Min. mit dt. UT)
  • Disc 4 – Königin der Schmerzen (1:29:56)
    Bonus: Interview mit Kameramann John Conroy (08:56 Min. mit dt. UT)
  • Disc 5 – Tag der Vergeltung (1:29:33)
    Bonus: DVD Highlights von edel:motion (07:01 Min.)
  • Disc 6 – Das schweigende Kind (1:29:46)
    Bonus: Interviews mit Iain Glen, Nora-Jane Noone, Killian Scott, Stuart Orme, Ralph Christians, Marteinn Thorisson (40:47 Min. mit deutsch eingesprochener Übersetzung)

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