Miniserien, Rezensionen
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Parade’s End: Im Krieg und in der Liebe…

Parade's End
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© Mammoth Screen Limited 2012, Foto: Nick Briggs – Adelaide Clemens, Benedict Cumberbatch
Rezension: Miniserie

… ist alles erlaubt, erklärte einst Napoleon Bonaparte. Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch, „Sherlock“), der Protagonist von „Parade’s End“, würde dieser Rechtfertigung für unehrenhaftes Verhalten vehement widersprechen. Er scheint wortwörtlich der letzte Gentleman zu sein. Ein prinzipientreuer, durch und durch moralischer Mann, der selbst dann das Richtige tut, wenn es seinem persönlichen Glück im Wege steht. Und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in einer Zeit, in der es aufgrund gravierender gesellschaftspolitischer Veränderungen auch zum Verfall althergebrachter Moralvorstellungen kommt.

Im Mittelpunkt der Adaption von Ford Madox Fords (1873 – 1939) Roman-Tetralogie stehen zwei Schlachtfelder – das des Krieges und das der Liebe. Das Schlachtfeld der Liebe beginnt für Tietjens in einem Zugabteil, als er sich von Sylvia Satterthwaite (Rebecca Hall, „Frost/Nixon“, „Red Riding“) verführen lässt. Ihr eilt ein gewisser Ruf voraus, von dem Christopher durchaus weiß. Dennoch ist er sofort bereit, Sylvia zu heiraten, als er erfährt, dass sie schwanger ist. Für ihn bedeutet diese Entscheidung eine Pflichterfüllung, für Sylvia ist es das kleinere Übel, das ihr ihre Mutter (Janet McTeer, „Damages“, „The White Queen“) auferlegt hatte. Ausgehend davon steht außer Frage, dass es sich bei dieser Ehe keinesfalls um eine romantische Verbindung handelt.

Parade's End

© Mammoth Screen Limited 2012, Foto: Nick Briggs – Rebecca Hall

Sylvia: „Erstaunt, dass ich ihn hasse?“
Mrs Satterthwaite: „Nein. Du hast über deinem Intellekt geheiratet und verträgst es nicht, im Nachteil zu sein.“

Tatsächlich ist Sylvia nicht sonderlich gebildet, aber mit einer hohen, emotionalen Intelligenz gesegnet. Diese nutzt sie jedoch in erster Linie, um ihr Umfeld zu manipulieren. Viele ihrer verbalen Pfeile schießt sie ab, um eine Reaktion zu provozieren. Doch ausgerechnet Christopher scheint diesen Attacken gegenüber immun zu sein. Er begegnet ihnen mit Distanz, Reserviertheit und Schweigen. Im Grunde spricht er nur dann, wenn er wirklich etwas zu sagen hat. Er ist klug, belesen und versteht es meisterhaft, bestimmte politische Ereignisse so zu interpretieren, dass er gar den Ersten Weltkrieg vorausahnen kann. Seine überdurchschnittliche Intelligenz wird von Sylvia jedoch als pure Arroganz ausgelegt.

Sylvia: „Du weißt schon, was er da tut? Er korrigiert die Encyclopædia Britannica. Brächte ich ihn um, würde kein Gericht mich verurteilen.“

Parade's End

© Mammoth Screen Limited 2012, Foto: Nick Briggs – Rebecca Hall, Benedict Cumberbatch

In der Tat fällt es Christopher leichter, sein Wissen zu vermitteln, als seine Emotionen. Lediglich seinem Sohn gegenüber – von dem er nicht einmal sicher sein kann, dass es wirklich seiner ist – bringt er liebevolle, gar zärtliche Gefühle auf. Als Sylvia Hals über Kopf mit ihrem Geliebten Potty Perowne (Tom Mison, „Wenn Jane Austen wüsste“) durchbrennt, erduldet Christopher die Schmach in stiller Enttäuschung und verheimlicht den Ehebruch seiner Frau vor der Öffentlichkeit. Sylvia ist flatterhaft, jedoch nicht dumm und schon bald bittet sie Christopher, die Ehe mit ihr fortzuführen.

Vincent: „Wirst du sie zurück nehmen?“
Christopher: „Ich nehme es an. Es gilt, an das Kind zu denken.“ […]
Vincent: „Ich wär‘ für die Scheidung. Zieh‘ sie durch den Schmutz!“
Christopher: „Für einen Gentleman gibt es so etwas wie Haltung… Parade.“
Vincent: „Und wenn du jemanden triffst, den du heiraten willst?“
Christopher: „Es würde nichts ändern. Ich stehe für Monogamie. […] Monogamie und Sittlichkeit. Und dafür, nicht darüber zu sprechen.“

Diese Haltung, die man ihm hoch anrechnen muss, zwingt ihn jedoch, auf sein eigenes Glück zu verzichten. Christopher macht die Bekanntschaft mit Valentine Wannop (Adelaide Clemens, „Der große Gatsby“), einer jungen Suffragette, und verliebt sich augenblicklich. Sie ist gebildet, jung und unschuldig. Ihre idealisierte, romantisch verklärte Vorstellung von der Liebe bildet einen krassen Gegensatz zu ihrer leidenschaftlichen, politischen Aufgeklärtheit.

Christopher: „Weshalb glauben Sie nur, ich sammelte fast vergessene Fakten?“
Valentine: „Weil Sie es tun. Sie pflegen den Konservatismus. Ich dachte, Ihre Spezies fände man nur im Museum. Am liebsten wären Sie ein Landedelmann. Sie vertreten Prinzipien, weil sie malerisch sind. Soll das Land doch vor die Hunde gehen. Sie würden sich nur rühren, um zu erklären: Ich hab’s euch gesagt!“

Parade's End

© Mammoth Screen Limited 2012, Foto: Nick Briggs – Adelaide Clemens, Benedict Cumberbatch

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, kündigt Christopher seine Anstellung im Staatsdienst und geht freiwillig zur Armee. Eine Entscheidung, die kaum jemand aus seinem Umfeld nachvollziehen kann. Sylvia versteht sie als eine weitere Lieblosigkeit ihr gegenüber. Und Valentine ist schockiert, dass Christopher ihre pazifistische Einstellung nicht teilt. Für ihn ist es eine Flucht. Zum einen vor der gelebten Lüge seiner Ehe und zum anderen vor dem Glück, das er sich selbst verwehrt. Doch auf Dauer ist dies keine Lösung und der Krieg nähert sich seinem Ende…

Sylvia: „Ich langweile mich.“
Mrs Satterthwaite: „Nur du kannst dich langweilen, während die Welt untergeht.“

Einmal mehr lässt die BBC englische Literatur auch den Leseverweigerern zuteilwerden. Dabei handelt es sich mal nicht um die üblichen Verdächtigen wie Shakespeare, Dickens oder Austen. Ford Madox Ford (eigentlich Ford Hermann Hueffer) war als Verleger wesentlich erfolgreicher als mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Heute wird seinen Werken eine weitaus höhere Bedeutung beigemessen.

PARADE'S END

© Mammoth Screen Limited 2012, Foto: Nick Briggs – Benedict Cumberbatch

Die ausgezeichnete, hochkarätig besetzte Umsetzung durch Tom Stoppard (Drehbuch) und Susanna White (Regie) trägt jedoch nicht nur dieser Tatsache Rechnung. Schaut man sich britische Produktionen mit Literaturadaptionen oder geschichtlichen Stoffen näher an, kann man feststellen, dass sie überwiegend entweder im Viktorianischen England oder während der Zeit des Ersten Weltkriegs spielen. Besonders der Erste Weltkrieg ist im kollektiven Gedächtnis der Briten stark verankert. Man denke an Serien wie „Downton Abbey“ oder Filme wie „War Horse“, „My Boy Jack“ und „Birdsong“.

In Nebenrollen verleiht Rufus Sewell („Aurelio Zen“) der Rolle des psychisch labilen Reverend Duchemin eine tragikomische Note. Miranda Richardson („Blackadder“, „Sleepy Hollow“, „Die Tore der Welt“) überzeugt als resolute, politisch aktive Mutter von Valentine. Rupert Everett („Die Hochzeit meines besten Freundes“, „Ernst sein ist alles“) gefällt als Christophers pragmatisch denkender, älterer Bruder Mark. Und Stephen Graham („Boardwalk Empire“) erspielt sich die Gunst der Zuschauer als naiv charmanter Vincent Macmaster, der Christopher als bester Freund mehr schlecht als recht zur Seite steht.

Parade's End

© Mammoth Screen Limited 2012, Foto: Nick Briggs – Alan Howard, Rupert Everett

polyband liefert die Miniserie auf DVD und Blu-ray mit gewohnt guter Ausstattung. Die Verteilung der Episoden folgt der deutschen Ausstrahlung von Arte. Während es im Original eigentlich nur fünf Episoden sind, entschied man sich, diese auf sechs Folgen zu strecken. Rein rechnerisch sollte hier dennoch keine Serienminute fehlen. Sowohl die Sprachen als auch die Untertitel gibt es auf Englisch und Deutsch. Ton und Bild lassen qualitativ keine Wünsche offen. Als Bonus gibt es ein fast fünfzigminütiges Behind the Scenes. Zusätzlich findet man sechs Postkarten mit Motiven aus der Serie im Vintage Look.

Valentine: „[…] und es liegt mir fern, mich Mister Waterhouse aufzudrängen mit meinem sehr begrenzten Verstand und meiner geschlechtsbedingten Unfähigkeit für alles außer der Mutterschaft. Also. Wenn Sie mich entschuldigen wollen…“

DVD Ausstattung
Parade's End - DVD Cover

Coverfoto: polyband

Format: PAL
Disc-Type: DVD-9
Ländercode: 2
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch (optional)
Bildformat: 16:9 (1,78:1)
Audio: Dolby Digital 5.1
Anzahl der Disks: 2
Altersfreigabe: 12
Laufzeit: ca. 270 Min. (6 x ca. 45 Min.) + Bonus (ca. 49 Min.)
Extras: Behind the Scenes, 6 Postkarten mit Szenenbildern im Vintage Look
Verpackung: Softbox in O-Card, kein Wendecover
Label: polyband

Episoden – Disc 1
  • Episode 1 (45:26 Min.)
  • Episode 2 (45:10 Min.)
  • Episode 3 (45:13 Min.)
  • Trailer: Emma, Die geheimen Tagebücher der Anne Lister, David Copperfield, Women in Love, Great Expectations – Große Erwartungen
Episoden + Bonus – Disc 2
  • Episode 4 (45:23 Min.)
  • Episode 5 (45:09 Min.)
  • Episode 6 (45:23 Min.)
  • Behind the Scenes (49:12 Min., engl. und dt. UT optional)

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