Vorgestellt
Schreibe einen Kommentar

Being Human (2008)

Im Grunde ist dieses Horror-Drama schon so populär, dass es eigentlich keiner großen Vorstellung mehr bedarf. Die Kanadier (mal nicht die US-Amerikaner, wie immer wieder behauptet wird) haben bereits eine eigene Version adaptiert. Dennoch wollen wir diese – leider in Deutschland noch nicht gezeigte Serie – einmal unter die Lupe nehmen und einen Blick auf die ersten drei Staffeln werfen. Eine vierte mit wiederum acht Episoden startet im Februar 2012.

Herrick: „I need you to be ugly! I want you to be corrupt! There’s this vein of decency in you… I want to stamp on it with my boots!“
Mitchell: „You wanna look in a mirror.“ Being Human, Episode 3.08

Ein Werwolf, ein Vampir und ein Geist teilen sich eine Wohnung. Das klingt zunächst wie der Beginn eines Witzes. Tatsächlich überrascht die Serie aber mit hohem Dramapotential, das man bei einer solchen Konstellation gar nicht erwarten würde. Vampir und Werwolf Geschichten haben wieder Hochkonjunktur. Doch derzeitige Bücher, Serien und Kinofilme kokettieren bis(s) zum Zuckerschock mit verklärter Romantik oder schlagen aus Trotz den gegenteiligen Weg ein und lassen, wie in „True Blood“, keine Sex-Szene ungefilmt.

Man findet sich also entweder in der Fantasiewelt einer Pubertierenden wieder, in der bemitleidenswerte Werwolf-Darsteller bei Wind und Wetter das T-Shirt fallen lassen müssen oder man erfährt eine Art Kamasutra-Kur auf Drogen, die zwar erwachsener daher kommt, aber dennoch den immer gleichen Verkaufsschlager singt: „Sex sells!“. Daneben gibt es aktuell noch eine Hochglanz-Seifenoper – die „Vampire Diaries“ – und für Popcorn-Kinogänger die actionlastig-coolen Versionen von „Underworld“ in überwiegend blau.

Das sind natürlich nur vier naheliegende Beispiele, die von „Was zur Hölle…“ bis „Kann man sich Schöngucken“ reichen. Horrorgenre-Kenner haben längst Alternativen entdeckt. Und irgendwo dazwischen kann man ruhigen Gewissens die britische Serie „Being Human“ bewerben, die von Autor, Schauspieler und Produzent Toby Whithouse („No Angels“, „Doctor Who“) kreiert und vornehmlich geschrieben wurde. Mit Klischees wird gespielt, aber wirklich bedient werden sie nicht.

So hat der in Irland geborene Schauspieler Aidan Turner („Desperate Romantics“) als Vampir Mitchell zwar eine echte Zuckerschnute und dürfte wohl kaum von irgendeiner Sargkante geschubst werden, aber eitles Charmebolzen-Verhalten oder introvertierte Trauermiene gehen ihm, gelinde gesagt, am Eckzahn vorbei. Mit dem Herrschaftsgebaren seiner Artgenossen kann er nichts anfangen, auch wenn unzählige Leichen bereits seinen Weg pflastern. Nein, Mitchell ist kein Schmusevampir und er will auch nicht die Welt retten. Er will einfach nur clean werden. Denn so sieht er seinen Zustand, eine Abhängigkeit und seine Droge ist Blut. Bei jedem Massaker kämpft er mit dem schlechten Gewissen und wie jeder Junkie sieht er sich hin und wieder gern als Opfer, denn als Täter. Nimmt man seinen Killerinstinkt mal beiseite, ist er aber ein durchaus netter Typ.

Als Mitchell das erste Mal auf George (Russell Tovey, „Klein Dorrit“, „Him & Her“) trifft, beschützt er ihn vor anderen Vampiren, die den Werwolf als Punchingball benutzen wollen. Die Beiden, die von Natur aus Feinde sein sollten, werden Freunde und als sie eine gemeinsame Wohnung in Bristol beziehen, treffen sie Annie (Lenora Crichlow, „Sugar Rush“, „Material Girl“). Sie wohnt bereits dort – oder besser gesagt – sie wohnte dort, bis sie starb… dann blieb sie einfach. Das kleine Haus an der Ecke hat einen rosa Anstrich und vermittelt immer ein gewisses, mediterranes Flair. Dieser Kontrast passt zu seinen Bewohnern, die irgendwie nicht mehr dazugehören, es aber unbedingt möchten.

Der Titel der Serie ist Programm. Menschlich sein – das wollen Mitchell, George und Annie mit jeder Faser ihrer nun nicht mehr menschlichen Existenz. Hin und hergerissen zwischen dem Akzeptieren und dem Ignorieren dessen, was sie sind, versuchen sie einen halbwegs normalen Alltag zu führen. Doch das ist alles andere als leicht. Vor anderen Menschen müssen sie ihr Anderssein verbergen und vor anderen Vampiren, Werwölfen und der Geisterwelt müssen sie sich überwiegend schützen. Besonders Mitchell verbringt die meiste Zeit damit, sich seine Artgenossen vom Hals zu halten – sowohl im übertragenen als auch im wortwörtlichen Sinne.

Der Vampir, der Mitchell vor etwas weniger als einhundert Jahren erschaffen hatte, heißt Herrick (Jason Watkins, „Klein Dorrit“, „Psychoville“) und arbeitet nicht nur als Polizist, sondern ist auch der Anführer der Vampire in Bristol. Seine Tätigkeit im Dienste der Gesetzeshüter dient einem perversen Zweck. Auf diese Weise kann er jedes von Vampiren verübte Blutbad vertuschen, wobei seine „Schützlinge“ dazu angehalten werden, hauptsächlich Menschen zu töten, nach denen ohnehin kein Hahn krähen würde. Um dieses Arrangement abzurunden, führt man ein Beerdigungsinstitut, inklusive eines gekauften Leichenbeschauers. Vom Gelage bis zur Bahre ist alles gut durchdacht. Jason Watkins spielt den Charakter des Herrick mit geradezu süffisanter Widerlichkeit und bietet so einen wunderbar bösen Kontrast zu Mitchell. Der versucht zunächst vergeblich, sich seinem Schöpfer entgegenzustellen und andere Vampire zum Entzug zu überreden.

WG-Partner George ist eher der ruhige Typ, außer bei Vollmond. Vor zwei Jahren war er im Urlaub in Schottland unterwegs, als er und ein junger Mann, der ihn auf seinem Spaziergang begleitete, von einem Werwolf angefallen werden. Während der Andere die Sache nicht überlebte, kam George mit üblen Kratzern und der Erkenntnis davon, nun selbst den Mond anheulen zu müssen. Seither leidet er unter seinem Zustand, den er als „Fluch“ bezeichnet und hat es immer noch nicht geschafft, den perfekten, risikofreien Verwandlungsort zu finden. Als er Tully (Dean Lennox Kelly, „Shameless“, „Cranford“) kennenlernt, der auch ein Werwolf ist, lehrt dieser ihm einige Tricks, wie man die Nächte bei Vollmond am unkompliziertesten übersteht. Doch die Freundschaft währt nicht lange und so hadert George weiterhin mit seinem Schicksal.

Dann kommt Nina (Sinead Keenan, „Moving Wallpaper“, „Doctor Who“). Die hübsche Krankenschwester arbeitet im selben Krankenhaus, in dem auch George und Mitchell als Pfleger und Reinigungskraft tätig sind. Beim ersten Kennenlernen zicken sich die junge Frau und der Werwolf so schön an, dass eine künftige Liebesbeziehung außer Frage steht. Nina ist intelligent, selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen. Die Narben auf ihrem Körper sind Überbleibsel einer von Gewalt geprägten Vergangenheit. Als George davon erfährt, ist er natürlich erstrecht gewillt, sein zweites Ich vor ihr geheim zu halten. Doch wie lange kann man eine smarte Frau wie Nina an der Nase herumführen? Am Ende der ersten Staffel bekommt man die Antwort. Die sympathische Darstellung von Keenan überzeugte nicht nur Toby Whithouse und so wurde ihr Charakter weiter ausgebaut.

Fehlt noch der quirlige Hausgeist. Annie ist eine äußerst liebenswerte Person. Fürsorglich, warmherzig und begeisterungsfähig. Sie kann ihre Freude kaum fassen, als Mitchell und George einziehen und sie wegen ihrer eigenen Übernatürlichkeit auch wahrnehmen können. Nach einer Zeit der Einsamkeit kann sie endlich wieder kommunizieren und das tut Annie oft und gerne. Als sie merkt, dass sie nun auch Normalsterbliche sehen und hören können, ist selbst der Pizzalieferant nicht mehr vor ihr sicher, als sie ihn mit absurden Fragen in ein Gespräch verwickeln will. Andauernd kocht sie Tee oder Kaffee, was George fast in den Wahnsinn treibt. Annie will auf diese Weise eine gewisse Routine beibehalten. Dass sie immer noch hier ist, muss natürlich einen Grund haben. Und so klärt sie im Laufe der Zeit nicht nur ihr eigenes Dahinscheiden auf, sondern erfährt auch bald mehr über die Geisterwelt und wie man dorthin gelangt… oder ihr fernbleibt. Dabei trifft sie auf andere Geister, die auch noch einiges zu erledigen haben und ihr bestimmte Dinge beibringen können. Zum Beispiel wie man poltert und spukt.

Die erste Staffel schwankt in ihrem Fokus zwischen Mitchell und George, während Annie das vermittelnde Element darstellt. Das führt dazu, dass die beiden männlichen Charaktere noch etwas unausgegoren wirken und der Geist unterbeschäftigt. Während George durchaus sympathisch daher kommt, was auch – seien wir ehrlich – mit Toveys überaus liebenswerter Darstellung zu tun hat, kann man mit Mitchell noch nicht viel anfangen. Das liegt sicher auch daran, dass man es als Zuschauer nicht gewohnt ist, einen so menschlichen Vampir serviert zu bekommen. Meistens sind Vampire in Film und Fernsehen entweder echt böse oder böse und sexy oder ganz, ganz doll lieb – gerne auch mit Selbstzerstörungsmentalität. Als ein gewisser Joss Whedon-Charakter namens Angel zwischen dem Ende des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts mit wehendem Mantel durch die Straßen von Los Angeles streifte, konnte er dank eines dramaturgischen Kniffs gleich beide Seiten bedienen… und dabei sexy wirken. Allerdings wurden beide Seiten präzise voneinander getrennt und sexy wirkte er tatsächlich nur, wenn er böse war.

Mitchell ist verwaschen wie eine stone-washed Jeans. Der Effekt ist gewollt und man lernt ihn zu schätzen. Er vernascht die Frauen und er tötet sie. Er bereut und ignoriert es. Er ist selbstsüchtig und selbstlos, naiv und kalkuliert, ein Mistkerl und ein Held – der beste Freund und die größte Bedrohung. Turner entwickelt diesen Charakter und perfektioniert die Unberechenbarkeit bis zum bitteren Finale. George hingegen ist gradlinig und bildet die Identifikationsfigur. Müssten wir einmal im Monat in den Wald sprinten, um uns ein Fell wachsen zu lassen – wir würden uns so verhalten wie er. Immer ein bisschen chaotisch und mit dem verzweifelten Wunsch, den Status quo ante wiederzuerlangen. Annie ist die überdrehte Frohnatur, die die kleine WG im Gleichgewicht hält, in beiden Männern aber auch des Öfteren den Beschützer-Instinkt weckt. Allerdings hat auch sie Momente, in denen sie durchaus gefährlich werden kann.

In der zweiten Staffel wirken die Figuren ausgereifter. Jeder der Charaktere bekommt eigene Storylines. Mitchell wird unfreiwillig zum Anführer der Bristol-Vampire, muss sich in dieser Position jedoch erst behaupten. Nicht nur Vampir Ivan (Paul Rhys, „Luther“, „Great Expectations“) und dessen Frau Daisy (Amy Manson, „Desperate Romantics“, „Outcasts“) sorgen für Unruhe. Auch Cara (Rebecca Cooper, „Little Britain“), die von Herrick verwandelt wurde, widersetzt sich Mitchell so vehement, dass er sich gezwungen sieht, an ihr ein äußerst grausames Exempel zu statuieren. George stürzt sich nach der Trennung von Nina in eine neue Beziehung. Doch all seine Versuche, seinem Leben eine gewisse Normalität zu geben, müssen zwangsläufig scheitern. Annie verscherzt es sich zusehends mit der Geisterwelt, da sie ihre Jungs partout nicht im Stich lassen will. Die Kräfte des Jenseits setzen alles daran, sie endlich zu sich zu holen. Der Reiz dieser Staffel liegt jedoch in einem Gegner namens Kemp (Donald Sumpter, „Doctor Who“, „Game of Thrones“), der letztlich nur gemeinsam bekämpft werden kann. Mithilfe eines Verräters nähert er sich in Form der Verführung – Liebe, Hoffnung, Wissenschaft und Religion. Dabei agiert Kemp aus einer äußerst menschlichen Motivation heraus, was das Ganze noch interessanter macht.

„Back to the roots“ heißt es in der dritten Staffel, die mit einer Rettungsaktion beginnt. Ein alter Feind kehrt zurück und Mitchell muss sich den Konsequenzen seiner Taten stellen. Außerdem wechselt das Set, denn die nun vierköpfige WG musste fliehen und zieht in ein ehemaliges Hotel nach Wales. Lia (Lacey Turner, „EastEnders“, „Love Life“), eine junge Frau aus dem Jenseits, wird zu einer wichtigen Figur. Sie konfrontiert den Vampir nicht nur mit dessen Vergangenheit, sondern macht auch eine beunruhigende Prophezeiung. Während Mitchell verzweifelt versucht, diese Vorhersage nicht wahrwerden zu lassen, verschlimmert er seine Situation zusehends. Die nicht näher definierte, neue Beziehung zwischen ihm und Annie sorgt sowohl für den nötigen Humor als auch für eine Prise Romantik. George und Nina haben ganz andere Probleme. Auf der Suche nach Antworten wenden sie sich an McNair (Robson Green, „Wire in the Blood“, „Waterloo Road“), einen hartgesottenen Werwolf, der mit seinem Sohn Tom (Michael Socha, „Shank“, „This is England“) ein bewusst abgeschiedenes Leben führt. McNairs Halskette zieren zahlreiche Vampir-Zähne – und das aus gutem Grund. So sind er und Mitchell sich alles andere als sympathisch. Nicht nur ein nerviger Untermieter wird bald zur Bedrohung. Auch eine Polizistin fängt an, unangenehme Fragen zu stellen. Für Mitchell ist es fünf vor Zwölf.

Highlights der Serie sind die exzellent ausgearbeiteten Gastcharaktere, die mit charismatischen Darstellern besetzt wurden. Neben Jason Watkins als arroganter Widerling Herrick weiß in der ersten Staffel auch Annabel Scholey („Personal Affairs“) als Mitchells „Unfall“ Lauren zu gefallen – sexy, flippig, tragisch. Paul Rhys, der in „Luther“ mal einen schon beunruhigend überzeugenden Frauenmörder spielte, gestaltet den Vampir Ivan sympathisch ambivalent und sein Charakter überrascht schlussendlich mit einer Heldentat. In der zweiten Staffel kann, neben Donald Sumpter, Lyndsey Marshal als Ärztin und Wissenschaftlerin Lucy beeindrucken. In „Rom“ brillierte sie als Cleopatra. Hier verliebt sie sich in Mitchell und löst damit eine Katastrophe aus. Staffel drei glänzt eindeutig durch Robson Green als introvertierter, harter McNair, dessen Gesicht eine Narbe ziert und dessen Schicksal an die Nieren geht. Auch Lacey Turner als Lia weiß zu gefallen, die in gewisser Weise Sympathie weckt, aber auch undurchsichtig bleibt. Einen coolen Mini-Auftritt bekommt Lee Ingleby („George Gently“) als Uralt-Vampir Edgar Wyndam in der letzten Folge.

Fazit

Der Soundtrack gefällt, wirkt immer passend und nie zu seicht. Die vornehmlichen Indie-Songs sind gut gewählt und gehen ins Ohr. Wer mit Bands wie Arctic Monkeys, The Pigeon Detectives, Florence + Machine oder Supergrass was anfangen kann, wird hier seine helle Freude haben. Wer sie nicht kennt, wird vermutlich gleich nach ihnen googeln. In Episode drei der ersten Staffel, in der Annie auf den Geist eines Mannes trifft, der in den 1980er Jahren starb, werden Fans dieses Jahrzehnts u.a. mit The Smiths, Marc & The Mambas, Fun Boy Three und Soft Cell verwöhnt. Daneben ist auch der eine oder andere Klassiker zu hören von Musikern wie Elvis Costello, Johnny Cash, Kate Bush, Benny Goodman oder Jefferson Airplane. Besonders diese Songs fanden ihr Plätzchen in nett inszenierten Rückblenden, die überwiegend Mitchells Vergangenheit beleuchten.

Regie und Kamera bleiben klassisch und legen das Augenmerk auf die Geschichten und die Charaktere. Die verschiedenen Regisseure, u.a. Colin Teague („Doctor Who“, „Torchwood“) versuchen gar nicht erst, Tarantino und Co. zu imitieren. Man verschont den Zuschauer mit gewollt coolen Bildkompositionen, bei denen man einen epileptischen Anfall erleiden könnte. Die Spezial-Effekte – insbesondere die Werwolf-Verwandlungsszenen – sind solide, wissen in der ersten und dritten Staffel allerdings besser zu gefallen als in der zweiten.

Neben der Drama-Komponente und dem etwas anderen Umgang mit den Urgesteinen des Horrors, gefällt insbesondere der schräge Humor. Der sitzt an den richtigen Stellen und kommt immer dann zum Einsatz, wenn das normale Menschsein und das übernatürliche Anderssein kollidieren. Wer einmal Aidan Turners Gesichtsentgleisung gesehen hat, wenn ihm Lenora Crichlow als Annie „Dirty Talk“ vorsäuselt, um den Vampir scharf zu machen, wird sie nie wieder vergessen.

Unser Tipp

Ansehen! Millionen Fans können nicht irren.

BBC Three – Being Human
BBC Three Trailer auf YouTube

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.