Vorgestellt
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Exile (2011)

In unserer Rubrik „Vorgestellt“ möchten wir mit ausführlichen Kritiken auf britische Serien aufmerksam machen, die hierzulande noch nicht ausgestrahlt wurden. Dabei werden wir sowohl aktuelle als auch ältere Serien besprechen. Den Anfang macht das dreiteilige BBC Drama „Exile“ von Paul Abbott.

„There can be no higher law in journalism than to tell the truth and shame the Devil.“ Walter Lippman, 1889 – 1974

Tom Ronstadt (John Simm, „Life on Mars“) ist Journalist. Seine Arbeit bescherte ihm in London Erfolg und Luxus, doch nun liegt sein Leben in Scherben. Er wurde entlassen – Drogenkonsum, eine Affäre mit Jane, der Frau seines Bosses und seine allgemeine Einstellung, nicht jeden Mist schreiben zu wollen, dürften der Grund gewesen sein. Und dann quält ihn noch diese eine Frage, die ihn wieder zurück nach Lancashire treibt – an den Ort, an dem er aufgewachsen war und den er fluchtartig verließ, nachdem sein Vater Sam (Jim Broadbent, „Moulin Rouge!“) ihn halbtot geschlagen hatte. Vor seiner Fahrt nachhause versucht er noch mal bei Jane zu landen – betrunken und verzweifelt. Doch die gibt ihm den Laufpass, denn schließlich hätte ihre Beziehung ohnehin nur aus belanglosem Sex bestanden. Mit Frauen hatte Tom nie Glück. Später sagt er, es hätte an schlechten Entscheidungen gelegen und daran, dass er nie eine Frau getroffen hat, die ihn halten konnte.

Nun brettert er mit seinem Sportwagen in Richtung alter Heimat. Bedenkt man, wie lange er fort war, gestaltet sich die Begegnung mit seiner jüngeren Schwester Nancy (Olivia Colman, „Green Wing“) fast so, als hätte er nur mal Urlaub genommen. Nancy ist eine resolute, warmherzige und humorvolle Person, die sich die letzten Jahre um den an Alzheimer erkrankten Vater gekümmert hatte. Ohne Bitterkeit lässt sie ihren Bruder zurück ins gemeinsame Elternhaus, aber nicht ohne Ehrlichkeit. Kurzerhand nimmt sie Toms Auto und lässt ihn mit dem Hinweis – die Instruktionen liegen auf dem Küchentisch – beim Vater zurück.

Tom erfährt einen Crash-Kurs im Umgang mit der Alzheimer-Erkrankung. Sam erkennt ihn noch, ruft aber immer mal wieder nach einer gewissen Wendy (Daryl Fishwick). Sie war seine persönliche Assistentin, doch schon vor Jahren von einem Tag auf den anderen verschwunden. Sam war – wie heute Tom – ein erfolgreicher Journalist. Nun stehen sie sich wieder gegenüber. Der Mann mit dem brillanten Verstand, den er schon zum Großteil verloren hat und der Sohn, der unbedingt wissen will, wieso sein Vater ihn damals verprügelt hatte, und wie er sein eigenes Leben so gegen die Wand fahren konnte.

Tom erinnert sich, dass er als Jugendlicher im Arbeitszimmer seines Vaters Unterlagen gefunden hatte mit dem Namen Metzler (Timothy West, „Bleak House“). Genau diese Situation war es, die den Vater zum Ausrasten gebracht hatte. Und genau diese Frage beschäftigt Tom seither. Warum? Was war so wichtig an diesen Recherchen? Was durfte er nicht sehen? Nun hat er zwar die nötige Zeit, Erfahrung und Distanz, dem nachzugehen, aber wie bringt man einen Alzheimer-Patienten dazu, sich an etwas ganz bestimmtes zu erinnern? Als Nancy nach ihrem Ausflug wieder zurückkehrt, gibt sie ihrem Bruder den Rat, es mit Gerüchen und Musik zu probieren und mit Sam über die Vergangenheit so zu sprechen, als wäre es die Gegenwart.

Stück für Stück entblättert Tom ein dunkles Familiengeheimnis und lässt sich zum ersten Mal auf die Liebe ein, als er Mandy (Claire Goose, „Waking the Dead“) trifft – die Schwester eines Mädchens, mit dem er als Jugendlicher mal zusammen war. Doch Mandy ist verheiratet – ausgerechnet mit Mike (Shaun Dooley, „Red Riding“), seinem besten Kumpel aus Kindheitstagen. Das führt natürlich zu Spannungen, auch wenn Mike selbst kein Heiliger und die Ehe ohnehin am Ende ist.

Tom staunt nicht schlecht, als er merkt, dass jeder, den er trifft, in gewisser Weise mit dem Fall zu tun hat. Mike arbeitet für Metzler. Mandys Mutter war in „Greenlake“ tätig, einer Nervenheilanstalt, in der Metzler in den 1970er Jahren – vor seiner politischen Karriere – als Arzt tätig war. Und Richard Geller (Allan Corduner), ein ehemaliger Arbeitskollege seines Vaters, erklärt ihm, dass Sam versucht hatte, Metzler Korruption nachzuweisen. Allerdings hätte er den geplanten Artikel mit dem Hinweis, es gäbe einfach keine Beweise, unerwartet zu den Akten gelegt. Als Tom anonym ein Dokument erhält, ändert die Information darin alles, was er zu wissen glaubte. Mithilfe seiner Familie und seiner Freunde stellt er sich der erschütternden Wahrheit und macht sie publik.

Fazit

Serienerfinder Paul Abbott („Shameless“, „State of Play“, „Touching Evil“) wollte sich mit „Exile“ dem Thema Alzheimer nähern und ergründen, wie schwierig es für die betroffenen Familien ist, damit umgehen zu müssen. Die Idee, das Ganze mit einer Hintergrundgeschichte zu verknüpfen, die spannend und letztlich sehr schockierend ist, lässt das Ergebnis als perfekte Symbiose erscheinen. Autor Daniel Brocklehurst („Shameless“, „Clocking off“) verzichtete dankenswerterweise auf ein übertriebenes Pathos und verstand es, die Auswirkungen dieser Krankheit realistisch darzustellen. So gibt es in diesem Drama – neben durchaus bitteren Momenten – auch viel trockenen Witz und einen Humor, der sich aus den oft absurden Situationen mit dem Vater ergibt.

Man muss schon schmunzeln, wenn Vater Sam am Morgen splitternackt in der Küche steht und Tom ihn ansieht, als wäre er zuvor von einem Bus gestreift worden. Oder wenn beide darüber diskutieren, ob der vermeintliche Schraubenzieher in Sams Hand eigentlich ein Meißel ist. Sam lässt da natürlich nicht mit sich reden. Bei einem Gedächtnistest fragt Tom ihn nach Margaret Thatcher und bekommt ein spontanes aber energisches „Schlampe!“ als Antwort.

Sehr schön dargestellt ist die Beziehung zwischen Bruder und Schwester, wenngleich Olivia Colman als Nancy älter wirkt als John Simm. Das liegt wohl auch an ihrem Auftreten mit einer Weisheit, die man nur durch Erfahrung gewinnt. Nancy hat eine beneidenswert innere Ruhe. Sie macht Tom keine wirklichen Vorwürfe, spart aber auch nicht mit Frotzeleien. In einer Szene bereitet sie sich auf ein Date vor und Tom fragt, ob sie das letzte Mal in den 80ern aus war. Nancy willigt ein, sich vom brüderlichen „Fashion-Guru“ beraten zu lassen. Der greift nach einem Oberteil. „Vertrau mir! Das sagt verfügbar, aber nicht verzweifelt.“

Und dann gibt es da noch die zärtliche Romanze zwischen Tom und Mandy, die mit einem One Night Stand beginnt, für beide aber zunehmend inniger wird. Mandy ist schön, selbstbewusst und eine liebevolle Mutter. Sie schafft es, dass Tom sich auf sie einlässt und ihr vertraut. Und vor allem, dass er bereit ist, selbst in diese Beziehung zu investieren, indem er ihr in einer Notlage hilft und zwischen ihr und Mike vermittelt.

Regisseur John Alexander („Outlaws“, „Life on Mars“, „Small Island“) versteht es, all diese Teile zu einem perfekten Gesamtbild zusammenzufügen. Keine Szene wirkt überflüssig oder langatmig. Keine Schnitte wirken zu schnell oder gewollt cool. Seine Inszenierung ist dicht, authentisch und packend und gibt den großartigen Darstellern – allen voran Broadbent, Simm und Colman – den nötigen Raum, ihre Charaktere glaubwürdig zu spielen. (Die Rolle der Ex-Liebhaberin Jane übernahm übrigens John Simms Ehefrau Kate Magowan.)

Unser Tipp

Diese dreiteilige Mini-Serie ist dramatisch, anrührend und spannend. Absolut sehenswert!

Trailer auf YouTube

Die DVD zur Serie ist seit dem 13.06.2011 im Handel und kann u. a. auf amazon.co.uk bestellt werden. Neben den drei circa 58minütigen Episoden und englischen Untertiteln für Hörgeschädigte gibt es auch Bonusmaterial. Exile: Behind the Scenes (50:53 Min.) stellt ein ausführliches Making-of dar mit etlichen Interviews mit Cast und Crew. Zusätzlich gibt es drei Kurzfilme der Alzheimer Society und Audiokommentare von Regisseur John Alexander. Das Bild gibt es in 16:9 und den Ton in 2.0 Stereo.

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